Landschaftsagentur Plus und SETEX testen in Raesfeld neue Baumwollhüllen für 4.000 junge Bäume
07. Mai 2026

Mit Stoffen der Firma SETEX aus Hamminkeln wurden bereits Kunstprojekte von Christo und Jeanne-Claude unterstützt. Zum Beispiel die Verhüllung des Reichstags in Berlin und des Arc de Triomphe in Paris. Beim neuesten Projekt geht es nicht um spektakuläre Kunst im Stadtraum, sondern um Natur- und Forstschutz: SETEX entwickelt gemeinsam mit der Landschaftsagentur Plus aus Datteln eine textile Schutzhülle für junge Bäume.
Das Pilotprojekt geht nach der Produktion des Materials in den Werken des Textilproduzenten aus Bocholt und Hamminkeln nun in die Installationsphase an den Bäumen in Raesfeld. Dort hat die Landschaftsagentur Plus auf einer Erstaufforstungsfläche in der Größe von siebeneinhalb Fußballfeldern mehr als 18.000 Steileichen, Hainbuchen und andere standortgerechte Bäume und Sträucher gepflanzt. Rund 4.000 von ihnen brauchen jetzt einzelne Schutzhüllen, weil sie wegen Ihrer Lage im Überschwemmungsgebiet der Issel nicht mit einem Wildschutzzaun gesichert werden können.
Und der Schutz ist wichtig: Denn Rehe sind Feinschmecker. Sie mögen Knospen und junge Triebe. Für junge Bäume kann das zum Problem werden: Werden sie angefressen oder durch Rehböcke beim sogenannten Fegen durch ihr Geweih verletzt, wachsen sie schlechter oder sterben im schlimmsten Fall ab. Die erfahrene Flächenagentur schützt Erstaufforstungen daher üblicherweise mit Wildschutzzäunen. Doch das ist nicht überall möglich.
„Wir haben in Raesfeld eine Erstaufforstung, bei der rund 4.000 junge Pflanzen nur wenige Meter neben der Issel liegen“, sagt Frederic Lehmkuhl, Standortleiter von Landschaftsagentur Plus am nordrhein-westfälischen Standort Datteln. „Dort kann es bei Starkregen und Hochwasser zu Überschwemmungen kommen. Ein Zaun ist deshalb nicht zulässig, weil sich Treibgut darin verfangen und eine Barriere für den Wasserabfluss bilden könnte.“
Bleibt nur der Einzelschutz: sogenannte Wuchshüllen, die Baum für Baum montiert werden. Solche Hüllen gibt es in unterschiedlichen Ausführungen, häufig aus Kunststoff. Die Landschaftsagentur Plus suchte jedoch nach einer Lösung, die mehrere Anforderungen verbindet: Sie soll Wildschäden verhindern und so nachhaltig wie möglich sein. Die Hüllen sollen das Wachstum der jungen Pflanzen in der kritischen Anfangsphase unterstützen und zugleich wirtschaftlich einsetzbar sein.
„Wenn die Bäume nach einigen Jahren groß und widerstandsfähig genug sind, wäre es ideal, wenn die Hülle nicht wieder eingesammelt werden muss“, sagt Lehmkuhl. „Dann könnte gegenüber bestimmten Kunststofflösungen ein späterer Arbeitsschritt entfallen. Deshalb ist für uns besonders interessant, wie sich die Baumwollhüllen unter realen Bedingungen im Wald verhalten. Dabei geht es auch um die Frage, ob sie sich nach der Schutzphase rückstandslos abbauen. Denn das Landesforstgesetz in Nordrhein-Westfalen schreibt vor, dass waldfremde Materialien nicht im Wald verbleiben dürfen.” [NB1.1]
Das Textilunternehmen aus Hamminkeln hat für das Pilotprojekt ein weißes, licht- und luftdurchlässiges Baumwollgewebe produziert. Im Gelände wird es an zwei Akazienleisten befestigt und als textile Wuchshülle um die jungen Bäume gesetzt. Die Montage übernimmt die Knippingforst GmbH, die die Pflanzarbeiten nach den Plänen der Agentur realisiert hat und die neuen Hüllen erstmals einsetzen konnte.
Auch für das Textilunternehmen SETEX ist die Kooperation wichtig.
„Uns reizt an der Zusammenarbeit, dass wir für dieses praktische Naturschutzprojekt eine nachhaltige textile, aber dennoch marktfähige Lösung aus der Region entwickeln konnten“, sagt Boris Kampshoff, der Vertriebsleiter der SETEX-Textilveredlung GmbH in Bocholt. „Das Material besteht aus Baumwolle und muss draußen jetzt in einem komplett anderen Kontext funktionieren als unsere anderen Produkte: bei Feuchtigkeit, Wind, Wilddruck und das in einem sensiblen Naturumfeld über Jahre. Dafür reichen simulierte Alterungsprozesse im Labor allein nicht.“
Bei dem Projekt entwickelt die Landschaftsagentur Plus in Raesfeld eine bisher intensiv bewirtschaftete Fläche zu einem neuen Laubmischwald. Bauleiter Bernd Dreckmann koordinierte für die Flächenagentur die Pflanzarbeiten und wird die weitere Entwicklung der Fläche langfristig begleiten. Das Ziel: ein stabiler, strukturreicher Laubmischwald, der langfristig ökologische Funktionen übernehmen kann, etwa als Lebensraum, für den Bodenschutz, den Wasserhaushalt und das lokale Kleinklima.
„Die Baumarten werden nicht zufällig gesetzt“, sagt Bernd Dreckmann. „Wir schauen darauf, welche Arten hier langfristig stabile Waldstrukturen entwickeln können. Ziel ist keine Monokultur, sondern ein funktionierendes Ökosystem, das wichtige Ökosystemleistungen erbringen kann.“
Bei regelmäßigen Kontrollgängen werden das Wachstum der Bäume und der Zustand der neuartigen Schutzhüllen in enger Abstimmung mit SETEX überprüft und dokumentiert. Dabei geht es unter anderem um Schutzwirkung, Haltbarkeit, Montageaufwand, Kosten, Einfluss auf das Pflanzenwachstum und Abbauverhalten.
SETEX prüft im Zusammenhang mit dem Pilotprojekt, ob perspektivisch eine Prüfung oder Zertifizierung nach DIN SPEC 35808 angestrebt werden kann. Diese neue technische Spezifikation beschreibt Anforderungen an biologisch abbaubaren Wuchshüllen aus nachwachsenden Rohstoffen unter Waldbedingungen.
Die Erstaufforstung gehört zum Flächenpool von Landschaftsagentur Plus. Sie ist als Vorratsfläche für zukünftige Eingriffsvorhaben vorgesehen und kann nach entsprechender Anerkennung dazu beitragen, unvermeidbare Eingriffe in Natur und Landschaft an anderer Stelle auszugleichen. Dieses Verfahren wird als Realkompensation bezeichnet: Der naturschutzrechtliche Ausgleich bleibt dabei nicht abstrakt, sondern wird durch konkrete fachliche Maßnahmen auf echten Flächen sichtbar umgesetzt. Für Flächeneigentümer bietet dieses Modell ebenfalls Vorteile: Grund und Boden bleiben in ihrem Eigentum. Die Agentur entwickelt die Flächen gemeinsam mit ihnen naturschutzfachlich weiter und begleitet die Projekte über viele Jahre. Nach der Entwicklungsphase können die Flächen im Rahmen der geltenden forst- und naturschutzfachlichen Vorgaben in vielen Fällen weiter bewirtschaftet werden.
„Bäume zu pflanzen ist der sichtbare Anfang“, sagt Frederic Lehmkuhl. „Am Ende zählt, ob aus dieser Pflanzung in den kommenden Jahren wirklich ein stabiler Wald wird. Darum ist dieses Projekt so wichtig. Dafür braucht es nicht nur eine standortangepasste Planung, sondern auch eine sorgfältige Umsetzung und eine langfristige Begleitung der Fläche.“